Mutterfreuden

Heute Morgen sitze ich im Bett und stille meinen 4 Monate alten Sohn. Mein Blick fällt nach links in den Spiegel gegenüber vom Bett. Verstohlen sieht mich mein Spiegelbild an: Bin das wirklich ich?

Meine Haut ist fahl und meine Augen sind müde. So muss das wohl sein als frisch gebackene Mutter. Ich bin neu in dem “Business” und ich habe gehört, schlaflose Nächte sind normal. Die letzte Nacht war aber auch wirklich kein Zuckerschlecken. Jede Stunde war ich wach: Stillen, abhalten, müde werden, stillen, Windel wechseln, und wieder von vorne. Wir haben uns das so ausgesucht mit dem Windelfrei. Unser Baby erträgt einfach keine nasse Pampers. Und meine Haut erträgt keine schlaflosen Nächte. Ob wohl Antifalten Creme hilft? Sonne? Solarium? Schlaf! Und dann sehe ich es.


Es ist viel schlimmer als blasse Haut. Ich sehe eine Geheimratsecke. Ich dachte, das sei was für Männer. Für alte Männer. Ich sehe aus wie ein alter Mann! Ich lege die Haare in einen Seitenscheitel, das macht es noch schlimmer. Ich sehe aus wie ein alter Mann, der versucht seine Platte zu vertuschen. Übertreibe ich? Ich neige generell zu Übertreibungen. „Du weißt einfach nicht, wann Schluss ist!”, sagte mein Vater früher öfter. Meine Therapeutin aber hat es letztens wirklich charmant ausgedrückt: „Eine neurotische Frau ist wie das Salz in der Suppe”, oder so ähnlich. Sie hat eine Szene aus einem Film zitiert und mein Filmgedächtnis ist schlimmer als meine Stilldemenz.


Ich nur noch, wie ich mich gefühlt habe: Ein bisschen sexy. Neurotisch ist also sexy. Ich sehe also aus wie ein alter, glatzköpfiger Mann und fühle mich wie eine sexy Frau. Kein Wunder, dass ich eine Therapeutin dafür bezahle mir zuzuhören.


Während mein Sohn genüsslich an mir nuckelt und nicht ahnt, was Mama für Gedanken hegt, betrachte ich meinen Scheitel. Früher habe ich den links getragen. Richtig glücklich hat mich das nie gemacht. Seit einige Jahren trage ich ihn nun in der Mitte, weil ich das tatsächlich schön finde.


Warum habe ich den Scheitel überhaupt links getragen? Ich habe eine erschreckende Einsicht. Die Bravo-Girl war schuld. Gibt es die Zeitschrift heute noch? In einem Pseudo-Psychoartikel, die ich übrigens sehr gerne gelesen habe, wurde mir mit 13 folgender Rat gegeben: Wenn du deinen Scheitel links trägst, dann wirkst du selbstbewusst. Und Jungs mögen das. Wenn du deinen Scheitel rechts tragen möchtest, bitte sehr. Das bedeutet, du ordnest dich gerne unter. Das mögen Jungs auch. In der Mitte aber bedeutet du bist ausgeglichen und der Vermittler (ein Loser also). Ob Jungs das auch mögen? Ich erinnere mich nicht an die Meinung der Experten. Ich erinnere mich aber sehr wohl daran, dass ich ein bisschen Selbstbewusstsein bitter nötig hatte. Und wenn sich das mit dem Scheitel legen ließe: Wunderbar!


Keinen Gedanken habe ich daran verschwendet, dass meine Wirbel vielleicht antiparallel verlaufen und ich aussehe wie Charlie Brown mit meinem Scheitel. Ich bin selbstbewusst. Und Jungs mögen das. Die Jahre vergehen und ich vergesse, warum ich meinen Scheitel so trage. „Das sieht halt so am besten aus,” denke ich mir bestimmt – und toupiere mein Haar.


Zwanzig Jahre lang trage ich den Scheitel links und dann öffnen sich mir eines Tages meine Augen: So richtig toll sieht das nicht aus! Aber die Jungs mochten es. Und selbstbewusster bin ich auch. Vielleicht nicht wegen dem Scheitel, sondern dem Leben. Ich trage meinen Scheitel seitdem mittig. Sieht super aus. Fühlt sich klasse an. Ausgeglichen bin ich mit Sicherheit nicht. Ich bin neurotisch! Und Mutter! Mit Geheimratsecken. Ich denke, das sind die Stillhormone. Das jedenfalls sagt mein Mann, und der hat das in einer Zeitschrift gelesen. Ich hoffe, die Experten wissen wovon sie reden, und die Haare kommen zurück.

Ich binde meine Haare hoch. Mein Sohn ist satt. Im Bad trage ich etwas Antifaltencreme auf. Schon viel besser.

Wenn man seinen Scheitel links trägt, sehen die anderen ihn eh rechts. Was habe ich mir nur dabei gedacht?



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© 2020 by Shiloh Zache.